Eine ganz besondere natürliche Umwelt

Gebiet und Bevölkerung

Wirtschaft und Traditionen

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Das Land, das sich am Fuße des Mont-Blanc erstreckt, hat eine Gebirgszivilisation erfahren und zum Teil bewahrt, die Grundlage der kulturellen Identität der Bevölkerung ist, die dieses Land heute bewohnt. Hierbei handelt es sich um eine lange gemeinsame Geschichte und es gelang den Grenzen nicht, diese vollkommen auszulöschen. Diese Zivilisation fiel mit der industriellen Revolution und der folgenden sozioökonomischen Umwälzung in eine Krise. Große Veränderungen geschahen am Beginn des XX Jahrhunderts in Savoyen, ein wenig später im Wallis und nach dem Zweiten Weltkrieg im Aostatal. In Dieser angestammten Gesellschaft stellte die Landwirtschaft die Hauptbeschäftigung dar: Erzeugung von Lebensmitteln, die die notwendigen Waren liefern mussten, um zu überleben und wenn möglich, ein wenig mehr, um das Nötigste kaufen zu können, das nicht auf dem Gebiet produziert wurde wie zum Beispiel Salz. Der Bergbewohner wusste das Land durch harte Arbeit und großen Einsatz zu bewirtschaften, ohne sein Gleichgewicht zu stören und das eigene Leben zu organisieren, um das landwirtschaftliche Potential maximal zu nutzen, das in Wirklichkeit ziemlich beschränkt war.

Die Rinderzucht war die Hauptressource, die es manchmal durch den Verkauf von Butter und Käse ermöglichte, das nötige Geld zu verdienen, um die außerordentlichen Kosten tragen zu können; danach folgte der Getreideanbau für das einmal im Jahr gebackene Brot, mit Ausnahme der Reicheren; der Weingarten, Schmuck der sonnenbeschienenen Anhöhen, von dem man einen säuerlichen Wein für die Festtage oder für den Sommer herstellte, wenn die landwirtschaftliche Arbeit besonders hart und die Tage auf den Feldern lang wurden; Die Früchte, vor allem die Kastanien, getrocknet und zu Mehl verarbeitet, aber auch die Mispeln, die man auf Stroh reifen ließ; die Äpfel und die Birnen, die man für den Winter aufbewahren konnte; dank des hergestellten Öls, wurden die Nüsse und die Mandeln zum Verfeinern der Lebensmittel, zur Beleuchtung und als Heilmittel gegen einige Krankheiten verwendet; Pflaumen, Kirschen, Pfirsiche und Aprikosen, viel zu leicht verderblich, waren ein exotischer Luxus, den sich nicht jedermann leisten konnte.

Für die Bekleidung wurde Wolle, Hanf, Leder und eher seltener Leinen verwendet. Die Frauen spannen und strickten im Winter und die Männer webten für gewöhnlich. Schweine, Hühner und manchmal Bienen trugen zur Abwechslung der Lebensmittelressourcen der Familie bei. Trotz der Widrigkeit der Orte zogen die Menschen in den meisten Fällen über die Hügel, um vorübergehend, in der kalten Jahreszeit auszuwandern, wenn es in den Bergen nicht viel zu tun gab: Unsere Bergbewohner wurden also zu Wanderhändlern, Schornsteinfegern, Hanfspinnern, Brettschneidern und auch Lehrern mit zwei Federn auf dem Hut, wenn Sie sich zum Lesen und Schreiben anboten und mit drei, wenn sie auch das Rechnen lehrten. Sie  reisten auch wegen Handelsangelegenheiten: Die Bewohner des Aostatals kauften Käse im Wallis, um sie dann im Piemont wieder zu verkaufen. Die Bewohner des Wallis kauften Rotwein im Aostatal und in Savoyen, der ziemlich rar war im eigenen Gebiet, die Bewohner Savoyens verkauften Salz an die Bewohner des Aostatals, das unerlässlich für das Konservieren der Lebensmittel und für die Zucht war und sie kauften auch Reis, der aus der Poebene kam.

Die Landwirtschaft erfuhr überall eine tiefe Krise die die Arbeiter des Sektors um mindestens 5 % reduzierte. Sie wusste jedoch auf Qualität zu setzen, wo das Getreide verschwand, gedieh der Wein: Der Fendant del Vallese, der Bianco di Morgex im Aostatal und die Crus des unteren Arve-Tals haben sich gewandelt und sind zu begehrten Produkten geworden. Ihre Produktion befindet sich in voller Entfaltung. Auch die  Almen zeigen eine gute Wirtschaftlichkeit und Produkte wie die Fontina aus dem Aostatal, der Bagnes aus dem Wallis und der Beaufort aus Savoyen haben einen blühenden Markt: Verschiedene Käsesorten - jedoch werden alle, zumindest am Beginn, auf den Almen mit der frischen Milch nach den gleichen Techniken hergestellt.

Die Züchter, weniger zahlreich, jedoch mit bedeutenderem Rindvieh, führen ihre Arbeit immer mit Leidenschaft aus und schaudern angesichts der Heldentaten ihrer Königin. Der Kuhkampf, ein ganz gewöhnliches und natürliches Ereignis im Anstieg zu den Almwiesen, wenn die Kühe sich messen, um die Hierarchie in der Herde festzulegen, ist heute in regelmäßig stattfindenden Turnieren, wo am Ende der Saison die Königin der Königinnen gekrönt wird, genauestens organisiert. Auch  die Handwerkskunst hat einen grundlegenden Wandel erfahren, trotzdem haben einige traditionelle Tätigkeiten überlebt und blühen: Die Holz-Bildhauerei ist eine heute noch bestehende Praxis, vor allem im Aostatal, wo der Jahrmarkt von Sant'Orso am 30. und 31. Januar tausende von Besuchern aus den Ländern, die den Mont-Blanc umgeben in seinen Bann zieht; in Chamonix, Bagnes und Etroubles wird noch die Herstellung von Kuhglocken praktiziert, Schmuck der Kühe und Passion der Hirten; die Drogisten erfahren mit der  Aufwertung der Alternativmedizin einen günstigen Moment; die gutbürgerliche Küche, arm und rustikal, hat sich in kulinarische Kunst verwandelt und alte Rezepte, wie zum Beispiel auf Käsebasis, werden heute in den Restaurants serviert: Raclette, Fondue, Valpellenentse.

Auch die Industrie, vor allem die Großindustrie, trat gegen Mitte der Siebzigerjahre in eine Krise und nur die hochspezialisierten Kleinunternehmen führen im Arve-Tal und im unteren Aostatal ihre Tätigkeit weiter aus. Es ist nunmehr der Dienstleistungssektor, der Tourismus und der Handel, der an erster Stelle steht und der das für die Bevölkerung des Mont-Blanc notwendige Einkommen garantiert.

Mit der Generalisierung der Ausübung von Sport hat sich der Berg zu einem enormen Station für Wanderer, Schifahrer, Alpinisten und in den letzten Jahren für die Ausübenden der neuen, an Wasser, Felsen, Luft oder Schnee gebundenen Sportarten gewandelt. Da all dies zur Modeerscheinung wurde, hat der Berg  auch diejenigen aufgenommen, die  kein besonderes Interesse hatten, die nur einer Tendenz gefolgt sind und in den Bergen die gleiche Bequemlichkeit und das gleiche Vergnügen wie in der Stadt gesucht haben. Kurz gesagt, hat der Berg lange Zeit nichts anderes getan, als sich an die unzähligen Bedürfnissen der Stadtbevölkerung und oft auch der alpinen Bevölkerung anzupassen, die sich neue Modelle zu eigen machten und alte Traditionen versteckten, so als ob sie dafür Scham empfanden. In diesen letzten Zeiten entstand glücklicher Weise auch eine neue Sensibilität und immer mehr Touristen interessieren sich auch für die Menschen der Alpen, „für die intime Geschichte der Talschaften", jenseits der standardisierten Folklore fraglichen Ursprungs. Diese  Fortentwicklung des Geschmacks hat die  Bergbewohner dazu ermutigt, wieder an die eigene Geschichte zu denken, Orte, Momente und Tätigkeiten wiederzuentdecken und  diese mit einem Funken wiedergefundenen Stolzes dem Augenmerk des Touristen anzubieten. So bemerkte man, dass viele Dinge verloren gegangen waren. Die Bergbewohner, einst als die artigen Wilden  oder die Idioten der Alpen angesehen, sind nun wieder zu Mitgliedern einer komplexen, authentischen und ursprünglichen Gesellschaft geworden, würdig, kennengelernt und eingehender verstanden zu werden. So blüht also eine Reihe von Initiativen auf, um ein wertvolles, verloren gegangenes Erbe zusammenzuführen, zu organisieren und der Öffentlichkeit zu präsentieren: Renovierung alter Gebäude von künstlerischem, historischem und ethnografischem Interesse; Sammlung von Gegenständen materieller Kunst, um diese in den lokalen Museen auszustellen; öffentliche Vorführungen alten Wissens; Wiederlancierung von Volksfesten (Almabtrieb, Tag auf der Alm, Patronatsfest, religiöse Prozessionen in großer Höhe, Karneval, Johannisfeuer, etc.); Wiederbelebung antiker Spiele, die wie durch ein Wunder in den Gemeinschaften der Minderheiten überliefert wurden: Tsan, Fiolet, Rebatta und Rouletta im Aostatal, Cornichon und Baculot, Arten von Rouletta und Fiolet in Faucigny und in  Chablais, in Hochsavoyen. Die in der Erinnerung wiederentdeckten Erzählungen der Dämmerstunden werden gesammelt, einstudiert und von Erzählern vorgetragen: Der Guivre und der Drache, die Werwölfe und der Teufel, Gargantua und die Kobold-Geister, Sabbat und die wilde Jagd, die wegen der göttlichen Strafe begrabenen Dörfer, die oft bösen Feen und der wilde Mann, großzügiger Ausgeber wertvollen Wissens, die guten Seelen, die bestraften und verdammten sind nicht mehr Ausdruck ländlichen Unwissens, sondern künstlerische Erzeugnisse der volkstümlichen Phantasie.